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Wandgemälde im Dornröschenschlaf

Wandgemälde im Dornröschenschlaf
Wandgemälde im Dornröschenschlaf

ELBTAL-DORCHHEIM. - 500 Jahre Dornröschenschlaf unter Putz - ein Glück für den mittelalterlichen Wandgemäldezyklus in der Alten Nikolauskirche in Dorchheim im Westerwald. Die erst vor gut 60 Jahren entdeckte Ausmalung des Chorraums wurde jetzt wie die gesamte Kirche aufwändig restauriert. Den Abschluss der sechs Jahre dauernden Arbeiten feierte die Pfarrei in Dorchheim am Sonntag, 31. Mai 2015, um 10 Uhr mit einem Festgottesdienst. Dazu hatte die Pfarrei Abt Andreas Range vom Kloster Marienstatt als Hauptzelebranten eingeladen. Nicht von ungefähr, denn einst gehörte die Kirche den Mönchen von Marienstatt. Nach einem Umtrunk bot Diözesankonservator Professor Matthias Kloft eine Führung durch das frisch restaurierte Gotteshaus an.

"Die Kirche gehört zu den ältesten Kirchen in der Region und bietet ein ungewöhnlich gut erhaltenes Bild eines historischen Kirchenraumes", erklärt Kloft die Bedeutung der kleinen romanischen Kirche am Dorfrand. "Ich kenne keine vergleichbare Kirche hier im Raum - und ich kenne fast alle". Weil die Kirche vor über hundert Jahren zur Friedhofskapelle wurde, habe man sie glücklicherweise nicht modernisiert und so sei die historische Ausstattung "ungestört", schwärmt der Kirchenhistoriker.

Mauerwerk musste trockengelegt werden

Die Feuchtigkeit hatte der Kirche und den mittelalterlichen Wandgemälden derart zugesetzt, dass sie dringend restauriert werden musste. "Ein alter Stahl-Beton-Fußboden hat beispielweise verhindert, dass Feuchtigkeit im Boden versickern konnte und so waren Sockel und Wände stark in Mitleidenschaft gezogen worden," erklärt der zuständige Architekt Reinhard Spiekermann. Zunächst wurden die Böden rausgerissen und die Wege um die Kirche abgesenkt, um das Mauerwerk zu trocknen. Später wurde ein durchlässiger Basalt-Lava-Stein auf Schotter verlegt. Von außen wurde die Kirche mit einem Kalkputz versehen, die wie eine Schutzschicht die alten Putzschichten darunter konserviert. Die Kosten für Sanierung und Restaurierung betragen insgesamt 620.000 Euro.

Maßgeblich beteiligt an den Arbeiten im Innenraum waren die Restauratoren Sven Trommer und Peter Weller-Plate. Trommer hat die Wandfassungen und die Chorausmalung restauriert. Zu Beginn seiner Arbeiten musste er die Gemälde von Schmutz und Schimmel befreien und dann unter anderem auf Injektionsbasis die Malereien mit der Wand verbinden. Der Holzrestaurator Weller-Plate hat sich um die gotischen Schnitzarbeiten in der Kirche gekümmert. Diese Schnitzereien haben den Bildersturm in der Reformationszeit, dem viele Kunstwerke zum Opfer fielen, überlebt. Auch das mache sie so bedeutend, führt Kloft aus.

Schnabelschuhe sind zu dieser Zeit "der letzte Schrei"

Der Bildersturm führte im 16. Jahrhunderts allerdings auch dazu, dass die Chorausmalung übertüncht wurde. So war sie fast 500 Jahre im Dornröschenschlaf unter Putz verborgen. Das war wohl ein Glück für die Ausmalung. Erst bei einer Restaurierungsmaßnahme Ende der 1950er Jahre wurde der Gemäldezyklus entdeckt und freigelegt. Kloft datiert die Malereien auf Mitte des 15. Jahrhunderts. Das macht er unter anderem an der Mode im Bild fest. "Die Gewänder und die Schnabelschuhe, die man im Bild sieht, sind zwischen 1430 und 1450 der letzte Schrei. Ende des 15. Jahrhunderts sind Schnabelschuhe schon wieder out". Auch an den Rüstungen könne man die Entstehungszeit eines Bildes oft gut erkennen. "Ritter trugen immer die aktuelle Rüstung, das war ein Statussymbol - wie heute ein Auto," erklärt er.

Schnitzarbeiten und Ausmalung warten auch mit einigen Überraschungen auf. Oben auf der Empore ist beispielsweise eine Narrenfigur mit Eselsohren in den Balken geschnitzt, der den Gottesdienstbesucher wohl ermahnen soll, zuzuhören. Und der Gemäldezyklus zeigt unter anderem das große Weltengericht, die Erlösten vor der Himmelspforte, die Verdammten vor dem Höllenschlund. Dabei verschont der Teufel, der seine "Beute" scheinbar mit einem Lasso eingefangen hat, weder weltliche noch geistliche Würdenträger.

Hintergrund: Die Alte Nikolauskirche in Dorchheim

Der romanische Kirchenbau wird urkundlich zwar erst 1272 erwähnt, allerdings gehen Historiker von einer Entstehungszeit um 1190 aus. Der Bau wurde als zweischiffige Basilika mit gotisch anmutenden Proportionen angelegt. In einer großen Umbauphase wurde das nördliche Seitenschiff abgerissen und zwei gotische Maßwerkfenster in der Südwand eingebaut. Innen besitzt die Kirche heute eine Westempore aus spätgotischer Zeit sowie eine Empore an der Nordwand aus dem Jahr 1702. Ein besonderes Detail dieser Empore: Auf dem Geländer sind vor den wohl reservierten Plätzen die Namen der damaligen Honoratioren Dorchheims eingeritzt. Seit Erbauung einer neuen Pfarrkirche im Jahr 1906 wird die Alte Nikolauskirche als Friedhofskapelle genutzt. 2009 wurde die denkmalgeschützte Kirche auch in die Liste zum Schutz von Kulturgut gemäß der Haager Konventionen aufgenommen. (fl)

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